Die Stiftskirche Ss. Maria, Johannes und Elisabeth
zu Bützow/Meckl.

Hinweis:
Die folgenden Seiten dienen der Vorbereitung eines Forschungsprojektes im Rahmen des Graduiertenkollegs "Kunstwissenschaft - Bauforschung - Denkmalpflege" an der TU Berlin und der Universität Bamberg.
Ziel: Erforschung der Dachwerke von Langhaus, Umgangschor und Turm zur Erhellung der Baugeschichte. Zeichnerische Dokumentation von Quer- und Längsschnitt des Langhausdaches, Dokumentation der Abbundzeichen und Bearbeitungsspuren, Scheidung der ursprünglichen Konstruktion von den zahlreichen Ergänzungen und Reparaturen. Entnahme dendrochronologischer Proben (Bohrkerne) zur Ermittlung absoluter Daten, Untersuchung im Berliner Dendrolabor des DAI in Zusammenarbeit mit Dr. Karl-Uwe Heußner.
Fachliche Betreuung: Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer (TU Berlin)
Koordination: Tilo Schöfbeck, M.A. (Hohen Viecheln/ Berlin) und Dipl.-Rest. Heiko Brandner (Bützow)
Zeit: 8.-10.10.2001, Anreise am 7.10. abends. Unterkunft im Pfarrhaus bei Familie Brandner.
Mitten im slawischen Land, im Grenzgebiet zwischen Obotriten und Zirzipanen, wurde 1171 als neue territoriale Einheit die "terra Butissowe" gegründet und damit das Schweriner Bistum ausgestattet. Das Land war hier, im Gegenteil zu den seenreichen Gebieten Mecklenburgs, zu großen Teilen unbesiedelt, die stark bewegten, schwerbödigen Endmoränen noch von dichten Eichen-Buchen-Mischwäldern bestanden. In den 1220er Jahren begann offenbar die Rodung und der planmäßige Landesausbau in diesem Gebiet. Träger der Erschließung waren sowohl einheimische wie auch eingewanderte Siedler aus dem Altsiedelland, vornehmlich aus Sachsen und Westfalen, die Organisation und Führung besorgten sogenannte Locatoren, nach denen häufig die neuen Ortschaften benannt wurden (Nakenstorf, Dorf des Nakon; Reinstorf, Ort des Reimar).
Bützow, ein alter slawischer Burgort, führte diese Tradition als Sitz des Bischofs weiter, der sich bereits im 13. Jahrhundert dort befestigt niederläßt, die Burganlage mit erhaltener Bausubstanz aus der Zeit um 1300 präsentiert sich heute mehr im Chararakter seines Umbaus zur landesherrlichen Nebenresidenz ab 1556 und steht zur Zeit leer. 1229 wird eine erste Pfarrkirche geweiht, eine Zeit, in der offenbar die Pfarreien der Umgebung gegründet werden. 1236 tritt Bützow urkundlich als Stadt in Erscheinung, 1248 kommt es zur Gründung des Kollegiatsstiftes durch Bischof Wilhelm von Schwerin. Nach dem Ausbau zur Festung im 17. Jahrhundert starke Kriegszerstörungen, Niedergang der Stadt, mehrere Stadtbrände.
Dreischiffige gewölbte Backsteinhalle mit sieben Jochen, 3/8-Schluß und Umgangschor mit drei polygonalen Kranzkapellen. Quadratischer Westturm. Außenbau durch Strebepfeiler, Kaffgesims und hohe drei- und vierteilige Spitzbogenfenster gegliedert. Verzierte qualitätvolle Backsteinportale aus beiden Bauphasen (s.u.). Hohes Satteldach mit barockem Dachreiter, Turm mit achtseitigem schindelgedeckten Helm nach Art der sogenannten Mecklenburger "Bischofsmützen".
Innen: Großzügige, lichte Hallenkirche, von Kreuzrippengewölben bzw. das Chorpolygon von einem Sterngewölbe überspannt. Im westlichen Bereich der Seitenschiffe hölzerne Emporen. Ungewöhnliche Pfeilerform, über gerundetem Pfeilerkern sechs Halbrundvorlagen, figürlich gestaltete Kapitelle. Im Westen besonders kräftige Pfeiler mit querrechteckigem Kern zur Aufnahme eines geplanten Westturmes. Den Ostteil des Mittelschiffes bestimmen die zwei Joche des Vorgängerbaues mit ihren Wandvorlagen, die aus der Hälfte eines Achtecks gebildet und mit einem Trapezkapitell gekrönt werden. Begleitet werden sie von Runddiensten mit Kelchkapitellen. In den Seitenschiffen zieren Knospenkapitelle die Pfeiler.

Die schwierige Entstehungsgeschichte des heutigen Baues soll hier nur mit groben Strichen skizziert werden. Es kristallisieren sich 4-5 mittelalterliche Hauptbauphasen der heutigen Kirche heraus, auf die zeitweise vorhandenen, heute aber restlos beseitigten Kapellen wird dabei nicht eingegangen.
1. Phase: Errichtung eines basilikalen Chores im gebundenen System, Ostwand offenbar gerade geschlossen. Heute noch sichtbar die Seitenschiffsmauern mit ihren Fenstern (eingelegter Rundstab, schräge Laibung), das aufwendige Nordportal mit profiliertem Feldsteinsockel und Spuren des ehemaligen Sakristei, die Mittelschiffspfeiler mit Diensten und Kapitellen und Ansätzen der Arkadenbögen, im heutigen Dachraum die hervorragend konservierten Sargwände des Obergadens mit aufwendigem Traufgesims aus Treppenfries, Wulst und Kehle. Darin zwei Fenster mit Maßwerkresten. Zeitstellung: ca. 1280.
2. Phase: Anfügung des Langhauses als dreischiffig fünfjochige Hallenkirche gen Westen. Vorbereitung eines eingezogenen Turmes. Errichtung des Dachwerkes, anschließend Aufmauerung des geschmückten Westgiebels mit einer offenen Verzahnung auf der ganzen Innenwand für den geplanten Turm. Zeitstellung: ca. 1310/20.
3. Phase: Erhöhung der Seitenschiffswände des Chores, Verlängerung zur Halle in schlichteren Formen, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Anfügung eines Umgangchores. Einzug der Gewölbe? Im Dachwerk eine klare Trennung zwischen Langhaus und Chor, dessen Verhältnis zum Umgang bislang jedoch nicht eindeutig. Zeitstellung: ca. 1360/70.
4. Phase: Anfügung des quadratischen Westturmes mit seiner gewölbten Turmhalle, gleichzeitige Errichtung des mächtigen Turmhelmes. Mauerwerk: Backstein mit einem Kern aus Feldsteinen. Zeitstellung: 15. Jahrhundert.
Vom Dachwerk der frühgotischen Basilika ist wahrscheinlich nichts mehr vorhanden, mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit könnten sich Hölzer im Oberdach des Chores befinden. Dieses entspricht in großen Zügen der Konstruktion über dem Langhaus: Es handelt sich um ein aufgeständertes Kehlbalkendach (Hallenrahmendach) in seiner frühen Form. In Mecklenburg Vorpommern befinden wir uns offenbar im Entstehungsgebiet der großen einheitlichen Dächer über den Hallenkirchen. Ein Dachquerschnitt ist übrigens leider noch nicht vorhanden. Ein Blick auf die Konstruktion der spätgotischen Werbener Johanniskirche hilft bei der Vorstellung des Zimmermannswerkes. Das Oberdach in Bützow ist noch konventionell als Kreuzstrebendach verzimmert, wie es in Norddeutschland durch das ganze Mittelalter dominiert. Ähnlich einem niederdeutschen Hallenhaus wird die große Breite durch Aufständerung des Mittelschiffsdaches unter gleichzeitiger Anschiftung der Sparren zur Überdeckung der Abseiten bzw. der Seitenschiffe überdeckt. Während die Längs-, weniger die Queraussteiffung, anfangs noch sehr schwach entwickelt ist (Greifswald, St. Marien mit einer einzigen Riegelkette und wenigen aufgenagelten bauzeitlichen Streben), wird das System im ausgehenden 14., vor allem aber im 15. Jahrhundert perfektioniert.
Von Bedeutung für die Baugeschichte ist die Tatsache, daß der in Baumaterial und -technik wie auch stilistisch zur großen Halle von Phase 2 gehörende Westgiebel gegen das bereits aufgeschlagene Dachwerk gemauert wurde. Das beweist, daß sich der Schildgiebel mit seiner ganzflächigen offenen Verzahnung auf die in den Pfeilern angelegte Turmplanung bezieht, jedoch der Turmbau sich für längere Zeit verzögert. Mit einer Dendrodatierung des Dachwerkes könnte also ein sicherer Fixpunkt der Baugeschichte gewonnen werden.
Das Turmdach lagert auf zwei ineinandergeschachtelten Ständergerüsten. Das innere Gerüst beginnt bereits im Obergeschoß des Turmschaftes. Die Außenwände verjüngen sich entsprechend und wurden erst aufgemauert, nachdem die Zimmerer ihr Werk vollendet hatten. Die gesamte Konstruktion mit ihren diversen Stühlen ist offenbar vollständig erhalten und bildet mit den Arbeitsspuren, den unterschiedlichsten Abbundzeichen und Verzimmerungen ein beeindruckendes Denkmal bis hinein in die begehbare Spitze dieses gewaltigen Turmhelmes.
Sämtliche Bauteile der ursprünglichen Dachwerke sind aus Eichenholz gezimmert, ein typisches Merkmal des Mittelalters in Mecklenburg, das sich in den überwiegend erhaltenen Dächern des Landes offenbart. Der Dachreiter in seiner heutigen Form ist im späten 17. Jahrhundert errichtet worden. Zahlreiche Reparaturen des 17.-19. Jahrhunderts haben die Konstruktion verunklärt, vor allem die vielen nachträglichen Stühle in mehreren Etagen. Die Sparren des Unterdaches sind größtenteils um 1800 in Kiefernholz erneuert worden, das größte Problem jedoch bildet die Zugverbindung der Dachbalken. Praktisch nimmt kein Balken mehr den Schub der Sparren auf.