Andreas Schattanik, Genthin

KIRCHE NEUENKLITSCHE - DAS DACHWERK

Kurzbeschreibung der Kirche

Die Kirche zu Neuenklitsche wurde vermutlich im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts als eine der Nachfolgebauten zur Klosterkirche Jerichow erbaut, diese These ist jedoch in der Forschung umstritten. Die Untersuchungsergebnisse am Triumpfbogen lassen diese frühe Datierung zu, da typische Fugentechniken und Farbfassungsreste gefunden wurden.

Die erste Umbauphase ist im 14. Jahrhundert dokumentiert. In die Zeit um 1370 ist der Wiederaufbau der Kirche nach einem Brand zu datieren. Dieser Brand wurde bereits in der Inschrift eines Deckenbalkens von 1371 erwähnt, in die Zeit des Wiederaufbaues zwischen 1371 und 1375 sind alle Balken des Dach- und Deckentragwerkes sowie ebenfalls der Triumpfbalken einzuordnen. Vermutlich wurden in dieser Zeit auch die Zugänge zur Kirche und die Fenster im Chorabschluß geändert.

Im 17. Jahrhundert wurde die Innenausstattung der Kirche erneuert, darüber hinaus wurden die Fenster bis auf zwei Ausnahmen vergrößert. Aus dieser Phase stammen noch die Dielen der Holzdecke.

Im 19. Jahrhundert wurde der Turmaufsatz errichtet, ebenfalls in diese Zeit ist die Strukturierung der Decke im Langhaus und die nochmalige Umgestaltung der Innenausstattung in klassizistischem Stil zuzuordnen.

In den Jahren zwischen 1990 und 2003 wurde die Kirche in Teilschritten saniert, zuletzt erfolgte die Restaurierung des Dachwerkes und der Holzdecke sowie die Neuausmalung der Kirche. Dabei wurde auch die Inneneinrichtung teilweise instandgesetzt.

Das Besondere dieser Kirche ist jedoch das Dachwerk, das durchaus als Kleinod mittelalterlicher Zimmermannskunst bezeichnet werden kann.

Das Dachwerk

Die gesamte Dachkonstruktion wurde nach dem großen Kirchenbrand erneuert, die darauf verweisenden Inschriften aus den Jahren 1371 und 1375 decken sich mit den dendrochronologischen Ergebnissen.

Das Langhaus wurde 1371 mit 10 Gespärren in einer sehr alten Fügetechnik überdeckt.

Besonders auffällig ist die Fußpunktgestaltung, denn die Sparren sind am Ende des Zugbalkens (Deckenbalken) angeblattet. Sparren und Zugbalken kämmen auf der äußeren Mauerlatte auf. Die Sicherung erfolgt durch zwei Holznägel. Die Balken sind stirnseitig schräg angeschnitten, damit dort ein Blendbrett den Gesimsanschluß bilden kann.

Zwischen die Sparren wurde ein Kehlbalken eingefügt, um die Ausknickung des langen Sparrens infolge eingeleiteter Lasten durch Wind oder auch Eigenlast des Daches zu verhindern. Der Gegensparren wirkte hier zunächst als Widerlager. Gleichzeitig sind je Gespärre zwei zusätzliche schlanke Hängesäulen durchlaufend vom Zugbalken bis zum oberen Drittelpunkt des Sparrens eingefügt worden.

Die Hängesäulen sind am Sparren mit einem einseitigen Schwalbenschwanz angeblattet, die Knoten mit dem Kehlbalken sind als gerades Blatt hergestellt. Unten sind die Hängesäulen in den Zugbalken eingezapft. Alle Anschlüsse sind durch Holznägel gesichert.

Die 5 Gespärre über dem Chor sind nahezu identisch hergestellt worden, jedoch sind die Fußpunkte mit eingezapften Sparren und ausreichendem Vorholz gebildet worden, die Hängesäulen sind jedoch am Zugbalken angeblattet. Hier liegt die Holzdecke auf den Deckenbalken.

Diese Hängewerkskonstruktion in einem Kehlbalkendach ist wohl insgesamt recht eigenständig, vergleichbare Dachwerke weisen entweder schräg stehende Stützenreihen oder Sparrenstreben zur Entlastung der Sparren wie in Groß Möringen aus der gleichen Bauzeit wie Neuenklitsche auf, oder sind als echtes Hängewerk mit getrenntem Sparrendach oder auch Kehlbalkendach   ausgeführt worden.

Eine Typverwandtschaft kann durchaus mit der Klosterkirche in Arnstein an der Lahn vermutet werden. Leider ist dieses Dachwerk im Laufe der Zeit durch ein modernes ersetzt worden. Die verschränkten Kehlbalken und Sparrenstreben sind hier noch durch die schräg stehenden Sparrenstreben wie auch z.B. in Hämerten, Dambeck und Gladigau gekennzeichnet, während in Bertem / Belgien oder in Werder bei Jüterbog die gleiche Konstruktionsform wie in Neuenklitsche mit senkrecht stehenden Sparrenstreben / Hängesäulen vorhanden ist, in Werder bei Potsdam jedoch als neugotischer Bau von Stüler um 1858.

Das hier beschriebene Dachtragwerk ist jedoch in der Funktion praktisch ein Hängewerk, da die resultierenden Kräfte überwiegend als Auflagerlasten in das Mauerwerk eingeleitet werden. Die in die vorhandenen äußeren Mauerlatten eingeleiteten Schubkräfte sind offenbar recht gering, da an den Schadstellen, hier die zerstörte Mauerlatte, keine wesentlichen Verformungen festgestellt wurden.

Die hier eingefügten Sparrenstreben / Hängesäulen konnten jedoch auch begrenzt Schubkräfte der Sparren bei Windlasten in den Zugbalken übertragen, da diese meist einseitig auftraten, wirkte die gegenüberliegende Hängesäule als Druckstab.

Es bedarf einer eigenständigen Forschung in der Entwicklung der Dachwerke aus der Antike über die Romanik zur Gotik, um diesem Dachwerk einen ihm gebührenden Platz in der Entwicklung unter Berücksichtigung der altmärkischen und märkischen Kirchen einzuräumen.


Die Restaurierung

Die Restaurierung wurde in 2002/03 durch die KIWO GmbH in Genthin in Zusammen-arbeit mit dem Ingenieurbüro Bönisch Magdeburg, verantwortlich durch die Ingenieure Schattanik und Bönisch, geplant und begleitet.

Die Arbeiten im Holzbereich wurden durch die Zimmerei und Tischlerei Binder in Jerchel bei Rathenow ausgeführt.

Defekte Fußpunkte und teilweise zerstörte Zugbalken waren die zu sanierenden Bereiche, die Schäden waren durch Fäulnis oder Pilzbefall (Eichenporling) entstanden.

Um die konstruktiven Schwächungen im Bereich der Hängesäulen aufzufangen, wurde ein zusätzliches ?Hängewerk" bestehend aus 2 Tragebalken in Querrichtung als innerem Auflager und zwei auf vier Punkten gelagerte Überzüge in Längsrichtung eingebaut. Alle Deckenbalken wurden mit kurzen Zugstäben doppelt an die beiden an die Hängesäulen-Fluchten angelehnten Überzüge angehängt.

Die geschädigten Balkenköpfe der Deckenbalken wurden mittels liegendem Hakenblatt, die geschädigten Sparrenfüße mittels stehendem Blatt, angefügten Balken saniert. Die Ersatzstücke wurden aus altem Holz (ca. 1650) hergestellt.

Zusätzlich zur Windaussteifung durch die Dachlattung wurde beidseitig eine Windaus-steifung in Längsrichtung durch zwei Spannseile hergestellt, die von den Fußpunkten am ersten und letzten Gespärre zum Firstpunkt am mittleren Gespärre führen.

Die alten Windrispen sind erhalten geblieben. Somit konnte die ursprüngliche Gestalt des Dachwerkes weitgehend ungestört erhalten bleiben, gleichzeitig wurden die Sparren teilweise entlastet, da die Deckenlast über die zusätzliche Hilfskonstruktion abgefangen wird.

KIWO GmbH, Genthin, Andreas Schattanik, 23.4.2003

Zusammenhang Kloster Jerichow und Dorfkirche Neuenklitsche

Durch die wahrscheinliche Datierung der Kirche zu Neuenklitsche in das 3. Viertel des 12. Jahrhunderts wird die frühe Datierung der Klosterkirche gestützt, die vermutlich unmittel-bar nach Errichtung einer Vorgängerkirche und Klausur im alten Ortsmittelpunkt begonnen worden sein könnte. Neueste archäologische Funde im Bereich der Stadtkirche stützen diese Annahme.

Neuenklitsche war in der Frühzeit Filial des Klosters Jerichow, d.h. die Kirchengemeinde wurde von den dortigen Mönchen betreut, es gab zu dieser Zeit keinen Gemeindepfarrer im Ort (inkorporierte Pfarrstelle).

Der gleiche Zusammenhang besteht von Jerichow ausgehend zu den Dörfern Mangelsdorf und Wulkow.

Kirche in Werder bei Jüterbog zum Vergleich

Die Kirche in Werder wurde als Feldsteinkirche in drei Bauabschnitten errichtet.

Das Dachtragwerk über dem Chor ist ein reines Kehlbalkendach und dürfte aus der 1. Bauphase stammen. Das Tragwerk über dem Langhaus ist eine praktisch identische Konstruktion zu Neuenklitsche, jedoch sind die senkrechten Streben unregelmäßiger im Querschnitt und auch erheblich stärker.

Die Restaurierung dieses Tragwerkes wurde besonders im Bereich der Deckenbalken durch z.T. weit zurückgeschnittene Balken und dann mittels stehendem Blatt angefügten Balkenköpfen durchgeführt. Das übrige Tragwerk ist noch weitgehend im Original vorhanden.

Kirche in Bertem / Belgien zum Vergleich

Die Kirche wurde ebenfalls als Feldsteinkirche in Schichtmauerweise aufgeführt.

Sie wird in die Zeit des 10. Jahrhunderts datiert, das Tragwerk über dem Langhaus ist durch einen sehr frühen liegenden Stuhl ausgebildet. Hinten ist der Durchgang zum Chordach zu erkennen, dessen Tragwerk vermutlich der Konstruktion von Neuenklitsche und Werder entspricht, wobei im Sommer 2003 der Zugang ohne kundige Begleitungüber über die Langhausdecke nicht möglich war.

Bei dem Tragwerk über dem Langhaus der Kirche in Bertem (dreischiffige Basilika) handelt es sich um einen alten liegenden Stuhl. Die Sparren werden auf dem Rähm mit Holznägeln fixiert.

Kirche im Kloster Arnstein zum Vergleich

Das Kloster liegt auf einem Bergsporn über der Lahn.Von der dort ursprünglich stehenden Burg wurden die Grundmauern für die Errichtung der Klosteranlage verwendet. Die Klosterkirche wurde im 14. Jahrhundert unter Verwendung alter Bauteile an der Stelle einer alten Burg errichtet, allerdings im Laufe der Zeit mehrfach überbaut, die Kirche zum Schluß noch einmal stark im Barock umgestaltet.

Die Kirche hat ein sehr hohes und steiles Dach, das als Kehlbalkendach in drei Ebenen ausgeführt ist, wobei die unterste Ebene über den Kuppeln der darunter befindlichen barocken Gewölbe offenbar entfernt oder eingekürzt wurden. Das in der Mitte unter dem First aufgeführte Strebwerk u.a. aus gekreuzten Streben und die eingefügten Hängewerke machen das Gesamtdach zu einem komplexen Beispiel der Zimmermannskunst. Die Anschlüsse der Kehlbalken an den Sparren sind als schwalbenschwanzförmiges Blatt ausgeführt. Die früheste dendrochronologische Datierung weist auf das Jahr 1350. Eine Zweitnutzung der Balken ist sicher anzunehmen, da die Balken weitere Blattsassen aufweisen.

Das bei Schnell dokumentierte Dachtragwerk wurde in den Jahren 1950 - 1960 abgerissen und beim Ausbau des Daches durch einen modernen Dachstuhl ersetzt.

Dipl.-Ing. Andreas Schattanik, 16.11.04

vgl. Naumann, Kirchen im Elbe-Havel-Gebiet

Restauratorin A. Arndt 2002

vgl. Högg, Bauforschungsbericht Neuenklitsche 2002

vgl. Menzel 1842, Holzquerschnitte, Hängewerke

vgl. Conrad, 1999, Sparrendächer des 12. Jahrhunderts

vgl. Dachwerk in Werben, www.bauforscher.de

vgl. Stade, 1904, doppelter Hängebock

vgl. Schnell,1915, Kloster Arnstein

vgl. Archäologie in der Altmark, Bd. 2, Dendrochronologie, 2002

vgl. Binding 1991, Dachwerk auf Kirchen ... vom Mittelalter bis ins 18. Jh.

Bönisch, Tragwerk für Neuenklitsche 2002

vgl. Kubach-Verbeek, 1976

 

Die Dachwerke als .pdf

Dendrochronologische Untersuchungen an Dachtragwerken in der Altmark und im Elbe-Havel-Gebiet

Neben der aktuellen Arbeit in Neuenklitsche wurden in den letzten Jahren durch andere Bauforscher oder Planungsbüros umfangreiche Untersuchungen vorgenommen, die hier auszugsweise wiedergegeben werden:

Ort

Typus

Kirche

Holzart

Herkunft

Fälldatum

Altmersleben

Saalkirche

Eiche

Chor

1174 (d)

Berge

Saalkirche

Eiche

Chor

1221 (d)

Beuster

Basilika

Eiche

Mittelschiff

1184 (d)

Buchholz

Saalkirche

Ulme

Schiff

1250 (d)

Diesdorf

Basilika

Eiche

Dachwerk

1462 (d)

Döllnitz

Saalkirche

Esche

Chor

1196 (d)

Ferchlipp

Saalkirche

Eiche

Schiff

1220 (d)

Garlipp

Saalkirche

Eiche

Schiff

1226 (d)

Giesenslage

Saalkirche

Eiche

Chor

1219 (d)

Gladigau

Saalkirche

Eiche

Schiff

1338 (d)

Groß Möringen

Saalkirche

Eiche

Schiff

1171 (d)

Hämerten

Chorturmkirche

Eiche

Schiff

1191 (d)

Insel

Saalkirche

Eiche

Schiff

1172 (d)

Jerichow

Basilika

Kloster

Eiche

Schiff

1187 +/-10 (d)

14

Kiefer

Decke

15

Kiefer

Hängewerk

16

Kläden

Saalkirche

Eiche

Chor

1205 (d)

Neuenklitsche

Saalkirche

Eiche

Schiff

1371 (d)

17

Rochau

Saalkirche

Eiche

Turm

1198 (d)

Schinne

Saalkirche

Eiche

Chor

1215 (d)

Schönhausen

Basilika

Eiche

Mittelschiff

1485 (d)

Solpke

Saalkirche

Eiche

Schiff

1442 (d)

Staffelde

Chorturmkirche

Eiche

Schiff

um/nach 1179 (d)

Stendal

Hallenkirche

Petri

Eiche

Chor

1415 (d)

Tangermünde

Hallenkirche

Stephan

Eiche

Langhaus

1403 (d)

vgl. Ulf Frommhagen, 2002, s. Z. 8

vgl. Dt. Fachwerkzentrum QLB 2003

vgl. Högg / Schattanik 2003

vgl. Högg / Schattanik 2003

vgl. Högg 2002