Das Dachwerk der St. Johannis-Kirche in Werben(Altmark)
Dendrochronologische Untersuchung
Einleitung
Dort, wo die Elbe ihren markanten Knick macht in der norddeutschen Tiefebene, genau in diesem kleinen Winkel liegt die kleine altmärkische Stadt Werben. Dominiert wird sie - weithin sichtbar - von der großen spätgotischen Pfarrkirche St. Johannis, genaugenommen von ihrem riesenhaften Dach, das sich hoch über die Stadt erhebt. Zeuge der Frühgeschichte dieser Stadt ist noch der untere Bereich des Kirchturms, der in die Zeit um/ nach 1210 datiert (siehe Abschnitt: Dendro) und zum romanischen Vorgängerbau gehört. Er ist, wie auch der übrige Bau, aus Backsteinen errichtet worden. Markgraf Albrecht der Bär gründete hier 1160 eine Johanniterkomturei. In den Jahrzehnten danach, wahrscheinlich erst um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert, entstand eine Basilika, über deren genauere Gestalt auch Grabungen der 30er Jahre nichts bekannt wurde. Im heutigen Dachraum läßt sich noch der alte Dachanschlag an der Turmwand beobachten. Im 15. Jahrhundert wird an ihrer statt in zwei großen Bauabschnitten eine große Hallenkirche errichtet und der Turm um ein Glockengeschoß erhöht. In dieser Form zeigt sich auch heute noch die Kirche von Werben: Eine dreiapsidiale Stufenhalle unterteilt sich in Langhaus und (Umgangs-) Chor. Insgesamt umfaßt die Länge 7 Joche unterschiedlicher Breite, eine Merkwürdigkeit des Grundrisses, die in der Baugeschichte ihre Begründung findet: Für den Neubau hatte man nämlich die Fundamente des Vorgängerbaus miteinbezogen.
Langhaus:
Es handelt sich um ein aufgeständertes Kehlbalkendachwerk von 24 Gespärren mit längsverstrebten Ständerwänden(lichte Höhe zw. Mauerkrone und untersten Kehlbalken 12,30 m), das auf der Westseite abgebunden wurde und ausschließlich aus Kiefernholz besteht. Die einzelnen Ständerpaare werden mittig von Ankern (Zapfenschlösser erhalten) verspannt. In Längsrichtung sorgen u.a. zwei mit Holznägeln gesicherte Riegelketten für die Aussteifung. Sie dritteln die Ständer. Bis zum 16. Gespärre werden sie im unteren und oberen Drittel von Andreaskreuzen, danach bis zum 25. Gespärre von in Ostrichtung fallenden Streben überblattet. Der Gespärreabstand beträgt durchschnittlich 105 cm. Die Sparren sind mit Windrispen verbunden, die ebenfalls in Ostrichtung fallen. Im oberen Dachteil, welches nach dem Kontruktionsprinzip des aufgeständerten Kehlbalkendaches ein eigenständiges Gefüge bildet (Höhe 8,50 m von Uk Kehlbalken bis Firstpunkt), befinden sich zwei Kehlbalkenebenen, der unterste Kehlbalken des Gesamtdaches bildet gleichzeitig den Zerrbalken für das obere Sparrendach. Auf diesem zapft in jedem zweiten Gespärre eine Hängesäule ein, diese sind wiederum untereinander durch drei Riegelketten (unterm Firstpunkt und unter den beiden Kehlbalken) und durch mehrgespärrige Andreaskreuze verbunden. Daraus ergibt sich im Querschnitt eine Unterscheidung in zwei unterschiedliche Gespärre, aber ob mit oder ohne Hängesäule werden die Sparren des Oberdaches von einer Kreuzstrebe und darüber von zwei sich in der Aufblattung der Säule treffenden Streben bzw. von zwei Kreuzstreben unterstützt, die von den Ständern des Unterdaches ausgehen. Für die Absicherung des unteren Sparrenabschnitts wird dieser von drei Streben zum Ständer bzw. Mauerkrone hin unterstützt. Eine weitere lange Strebe ("Sparrenstrebe"), die ca. parallel zum Sparren verläuft, unterstützt die obere Kreuzstrebe. Die Sparren (Gesamtlänge 23,90 m) werden ungefähr in der Mitte von dem Dachbalken des Oberdaches überblattet und an gleicher Stelle geschiftet. Daß das Langhaus zumindest am Anfang einen offenen Dachstuhl besaß, beweisen die mit je zwei Holznägeln gesicherten langen Zapfen von Ankern, die sich ursprünglich in jedem zweiten Gespärre zwischen den Dachbalken der Seitenschiffe spannten. Die beiden aufgeständerten Anker aus Eschenholz, die je zwei Gespärre verklammern, stammen aus einer späteren, wahrscheinlich barocken Reparatur. Verbindungen: Vorwiegend Blattungen mit Versatz und Schwalbenschwanz und geradem Schluß. Auch die schrägen Überblattungen der Kreuzstreben sind mit Versätzen gezimmert. Die Fußpunkte der Sparren bzw. der benachbarten Strebe sind gezapft, ebenso sind die 2. und 3. Strebe des Unterdaches, welche den Sparren vor Durchbiegung sichern, in die Ständer eingezapft. Außerdem noch die Riegelketten von Ständerwand und der Hängesäulen. Wo letztere vorhanden sind, zapfen die Kehlbalken in diese ein. Die Dachneigung beträgt 57,5°. Die Abbundzeichen zählen in zwei Abschnitten (WestàOst). Vom 1.-15. Gespärre mit Kerben in additiver Zählung auf der Südseite und Macken in gleicher Zählung (viereckige Ausstiche, ca. 2x2 cm) auf der Nordseite. Vom 16.-24. wird im gleichen System neu gezählt. Unterschiede zwischen beiden Abschnitten waren nicht auszumachen, eine Neuzählung aus Gründen der Übersichtlichkeit liegt nahe. Hinweise auf Flößerei konnten nicht entdeckt werden. Als Sparren wurden Halbhölzer in der Dimension von durchschnittlich 23x17 cm verwendet, die an den Seiten bebeilt wurden, die Dachbalken (durchschnittlich 25x25 cm) wurden nur mit dem Beil zugeschlagen. Reperaturen: Vor allem an den Fußpunkten der Nordseite. Aufgrund der Unzugänglichkeit des Langhausdaches (keinerlei Ausbretterung) konnten nur am zweiten Südständer mit Hilfe einer Leiter Maße genommen werden, die jedoch nicht für eine exakte zeichnerische Darstellung des Daches ausreichen. Dafür sei auf den Querschnitt im Inventar (S. 368) hingewiesen (Gespärre mit Hängesäule, im Oberdach z.T. unrichtig).
Der nach dem Langhaus errichtete Chor ist in Form einer Stufenhalle errichtet worden. Da der Giebel des Langhausdaches gen Osten so lange verschlossen werden mußte, ist eine Verbretterung anzunehmen. Vereinzelte Nägel, die vor Errichtung der Sargwände des Chormittelschiffs in die Ostflächen der beiden letzten Langhausständer eingeschlagen worden sein müssen, deuten darauf hin. Die lichte Weite zwischen dem letzten Langhaussparren und dem ersten Chorsparren beträgt 80 cm. Eine Verbindung zwischen beiden besteht nur in zwei kurz unterm Firstpunkt auf die Sparren aufgenagelten Latten. Die Dachkonstruktion ist im Chor eine ganz ähnliche wie im Langhaus und entspricht dieser auch in den Dimensionen des Querschnitts. Im Gegensatz zum Langhaus wurde sowohl Kiefer- als auch Eichenholz verbaut, letzteres vor allem bei den Sparren. Wichtigster Unterschied ist der Dachreiter, der sich über den ersten Chorgespärren erhob und in seiner heutigen Form vom Anfang der 90er Jahre stammt. Ein aufgeständertes Kehlbalkendachwerk von 15 Gespärren mit zwei längsverstrebten Ständerwänden überdeckt alle drei Schiffe (7,72 m lichte Höhe zwischen Ok Deckenbalken bis Uk erster Kehlbalken). Der Abbund erfolgte von der Ostseite. Die Höhe der Ständerwand ist der Höhe der o.g. Sargwände entsprechend verkürzt. Alle Dachbalken unter den Ständern des erhöhten Mittelschiffs laufen durch, ohne die Gewölbe zu berühren. Die Ständer sind untereinander mit zwei Riegelketten verbunden, deren untere nicht durch Holznägel gesichert ist. Andreaskreuze überblatten die Innenflächen der Ständer auf ganzer Höhe. Windrispen sind keine vorhanden. Die Gespärre unterscheiden sich wie im Langhaus in zwei Typen, jedes zweite besitzt eine Hängesäule, in die zwei Riegelketten unterhalb der eingezapften Kehlbalken ebenfalls einzapfen. Zwei Streben ("Sparrenstreben") im Querschnitt, mit Ursprung an den Ständern, treffen sich aufgeblattet in der Säule, andernfalls laufen sie als Kreuzstrebe durch, ebenso wie die untere in allen Gespärren. Zwei Streben im Unterdach der Seitenschiffe sind unweit der Sparren in den Sattelbalken eingezapft und stützen die Ständer und Sparrenstreben unterhalb der beiden o.g. Streben. Die Sparren des Unterdaches werden über zwei senkrecht entsendete Streben am Ständer abgestützt, eine dritte stützt sich auf ein Querholz, welches auf einem Balken ruht, der wiederum in einem Gerüstloch steckt. Auf ähnliche Weise werden auch die Aufschieblinge unterstützt, die auf der Südseite die Ottilienkapelle überdecken. Der Sparrenabstand beträgt durchschnittlich ca. 100 cm, die Dachneigung wie im Langhaus 57,5°. Die Holzverbindungen entsprechen den am Langhaus beschriebenen. Da die Abbundseite gegenüber dem Langhaus wechselt, findet sich dasselbe Zeichensystem seitenverkehrt wieder (WestàOst). Gespärre 26-32 wurden additiv im Norden mit Kerben, im Süden mit Macken bezeichnet. Die restlichen Gespärre 33-39 werden noch einmal anders bezeichnet, im Süden mit kleinen, hochrechteckigen Ausstichen (additiv), im Norden bis Gespärre 37 mit Kerben im additiven System, Gespärre 38 ist mit XIIIII, Gespärre 39 mit X bezeichnet. Es handelt sich jedoch um eine einheitliche Konstruktion. Die Dimensionen der Hölzer unterscheiden sich nur wenig, die Sparren sind gesägt und seitlich bebeilt (24x15 cm), die Dachbalken nur gebeilt (24x24 cm). Vereinzelte Reperaturen. Die Sparren des dreiapsidialen Chores treffen sich im Firstpunkt wahrscheinlich an einem Kaiserstiel. Näheres konnte aufgrund der Höhe nicht festgestellt werden. Vom 2. Gespärre des Chordaches wurde mit Blick nach Westen eine Zeichnung des Querschnitts im Maßstab 1:50 angefertigt, der zumindest in seiner südlichen Hälfte als verformungsgetreu gelten kann, denn auf dieser Seite befindet sich der Aufstieg zum Dachreiter. Da auch das Chordach nicht weiter begehbar ist, wurden die oberen Teile der Nordhälfte axialsymmetrisch ergänzt.
Dendrochronologische Untersuchung
Im Juni 1996 sind in der St. Johanniskirche zu Werben insgesamt 23 Dendroproben entnommen worden. Diese wurden im Dendrochronologischen Labor am Deutschen Archäologischen Institut, Eurasien-Abteilung, durch Herrn Dr. K.-U. Heußner und dem Verfasser untersucht. Wenngleich nur neun Proben ein Datum erbrachten, so genügte das jedoch, um die wichtigsten Bauphasen aufklären zu können. Wie anfangs bereits erwähnt, konnte der Turm in die Zeit um/nach 1210 bzw. um/nach 1206 datiert werden, die Bohrkern sind einem Eichenbalken desersten und zweiten Geschosses entnommen worden. Das verdient insofern Erwähnung, als das es sich um einen garantiert bauzeitlichen Balken handelt, der während des Bauvorganges in die Wand eingemauert wurde, eine Eigenart romanischer Turmbauten in der Altmark. Nachteilig auf die Datierungsgenauigkeit wirkt sich die Bearbeitung der Hölzer aus, die bis Ende 13. Jh. zumeist sauber vierkantig geschlagen wurden und somit nur selten Waldkanten besitzen. Die Errichtung des Langhausdaches konnte mittels zweier Kiefernproben in das Jahr 1411 datiert werden (Fälldaten 1406/07 bzw. 1410/11). Erst ein halbes Jahrhundert später erhielt der Chorbau seine Bedachung. Im Winter 1462/63 ist wenigstens eine der verbauten Eichen geschlagen worden, das Splintholz der übrigen Proben ist leider so stark zerfressen, daß nur eine Splintschätzung möglich war. Deren Spanne bindet aber eindeutig die obige Datierung mit ein. Die Gleichzeitigkeit der Auflänger über der Ottilienkapelle beweist Pr. 23. Baugeschichtlich fügen sich diese Daten gut ein, eine Inschrift besagt nämlich, daß das Gewölbe im Jahre 1466 fertigestellt worden sei. Vergleichbare Dächer: In unmittelbarer Nähe liegt die große Hallenkirche St. Stephan zu Tangermünde, siehe Inventar S. 218 und Binding, S. 117. Dort auch weiterführende Beispiele. Eine Dendro-Untersuchung ist in Vorbereitung.
| 1 | Chor, Gespärre 38, Süd, Sparrenstrebe |
| 2 | Chor, Gespärre 36, Süd, Sparrenstrebe |
| 3 | Chor, Gespärre 33, Süd, Konsole |
| 4 | Chor, Gespärre 31, Süd, Sparrenstrebe |
| 5 | Chor, Gespärre 29, Süd, Strebe |
| 6 | Chor, Gespärre 29, Süd, Strebe vor Sparren |
| 7 | Chor, Gespärre 27, Strebe |
| 8 | Chor, Gespärre 31, Anker |
| 9 | Chor, Mittelschiff, 1. Gewölbe, Ostkappe, in Holz gebohrtes Gewölbeloch |
| 10 | Gespärre 36, Anker |
| 11 | Turm, 2. Balkenlage, 3. Balken von Norden |
| 12 | Turm, 2. Balkenlage, 2. Balken von Süden |
| 13 | Turm, 1. Balkenlage, 5. Balken von Norden |
| 14 | Turm, 1. Balkenlage, 1. Balken von Norden |
| 15 | Langhaus, Gespärre 2, Süd, Sparrenstrebe |
| 16 | Langhaus, Gespärre 4, Süd, Sparrenstrebe |
| 17 | Langhaus, Gespärre 6, Süd, Zerrbalken |
| 18 | Langhaus, Mittelschiff, Anker zwischen 1. und 2. Joch, nachträglich |
| 19 | Langhaus, Mittelschiff, Anker zwischen 3. und 4. Joch, nachträglich |
| 20 | Langhaus, Mittelschiff, 3. Joch, in Holz gebohrtes Gewölbeloch |
| 21 | Turm, gotischer Aufbau |
| 22 | Langhaus, Gespärre 16, Süd, Ständer |
| 23 | Chor, Ottilienkapelle, Konsole |
| 24 | Langhaus, Süd, genaue Lage unbekannt |
Artikel veröffentlicht als: T. Schöfbeck: Das mittelalterliche Dachwerk über St. Nikolai in Werben, in: 73. Jahresbericht des Altmärkischen Vereins für vaterländische Geschichte zu Salzwedel e.V. 2000.